Sind bei Kempf die einfachen Dinge der Alltagswelt Ausgangspunkt ihrer Kunst, so dienen Bianca Schelling Triebwerke und formvollendete Calatrava-Architekturen als Vorlagen für ihre großartigen Tuschemalereien. Ausschnitthaft herangezoomt erscheinen die technischen Konstruktionen beinahe wie ornamentale Gebilde oder Skulpturen, deren spannende Farbdramaturgie zwischen Hell und Dunkel, Licht und Schatten oszilliert. Je eigenwilliger und extremer die Perspektive ist, die Schelling dabei wählt, desto abstrakter erscheinen ihre Motive. Die gebaute Welt verdichtet sich in ihren Bildern zu faszinierenden Formschöpfungen, die manchmal so düster-erhaben wie gothische Kathedralen anmuten und immer von größter ästhetischer Spannkraft sind.
Erster Eindruck: Wo sind wir hier? Befinden wir uns in einem Kraftwerk megalomanischen Ausmaßes? Oder stecken wir unter einer Motorhaube und inspizieren den Kühlergrill? Bianca Schellings Gemälde präsentieren gigantische Turbinen, Ventilatoren und Windkanäle mit Kabeln und Rohren. Ihre Maltechnik (mehrere Lasuren Tusche auf Aluminium) verleiht den Industrievisionen bei aller Schwere etwas Leichtes, quasi Organisches. Allerdings verweigert Bianca Schelling jeden Größenmaßstab. Kein Mensch, kein Lebewesen verirrt sich in ihre High-Tech-Kammern. Dasselbe gilt für ihre architektonischen Visionen. Lange Fluchten, überdacht von geschwungenen Trägern aus undefinierbar metallischer Substanz, deren Staffelung sich im Unendlichen verliert. Ruinenromantik nach dem Aussterben der Menschheit? Ein kalter Hauch aus «Metropolis» durchzieht Schellings Gemälde, auch wenn die Künstlerin zugibt, Fritz Langs Meisterwerk nie gesehen zu haben.
Drauf- und Einsichten von Triebwerken, Windkanälen und futuristischen Bahnhöfen dienen Bianca Schelling als Vorlage für ihre atemberaubend genaue Tusche-Malerei, die nichts mit Fotorealismus zu tun haben will. ... Sie ist von Licht und Schatten fasziniert und modelliert verheißungsvoll-bedrohliche Kathedralen mit himmelwärts gerichteter Gotik, als seien sie neue Film-Kulissen für unheimlichen Metropolis-Expressionismus.
Mit altmodisch gewordenem Super-8- und 16-Millimeter-Material schafft Reynolds raumtiefe Bilder von Verwesung und Vergehen, von Leiden und Tod, die die Kraft und Ruhe barocker Stillleben atmen. Vielleicht lag es an ihnen, dass Gerhard Falkner, dichtender Wahl-Berliner und Teilzeitfranke, mit Reynolds zusammenarbeiten wollte. Entstanden ist so nicht nur der Kontakt zum Zumikon-Team, sondern auch der „Letzte Tag der Republik“: Während im Zeitraffer Abrisskräne reptiliengleich die letzten Betontürme des einstigen Palasts der Republik zerknabbern, spricht Falkner Verse von einer Wucht, die Shakespeare mit Heiner Müller versöhnen und Berlin mit dem antiken Karthago gleichsetzen. Dokumentarisch ist das und zugleich ein großes Menschheitsdrama, verdichtete Zeitgeschichte, filmisch kongenial aufgefangen.
Das Institut für moderne Kunst kann sich glücklich schätzen, den aus Alaska stammenden, in Berlin lebenden Künstler (Jg. 1966) anhand dreier packender Filmattacken im Nürnberger Zumikon vorzuführen. Der Kontakt kam über den fränkischen Lyriker Gerhard Falkner zustande, der heute ebenfalls in der Hauptstadt wohnt und mit dem ungewöhnlichen Kunstfilmer befreundet ist.
Das Meisterwerk aber heißt »Burn« (2002). Hier setzt Reynolds, was das sprachlose Erkalten der Gefühle betrifft, noch eins drauf. Ein Mann wird gezeigt, der eine blonde Frau anzündet, die im Bett schläft. Bald greift das Feuer auf das Gebäude über – was Reynolds mit abgründig schönen Bildern tanzender Flammen vermittelt, aber auch mit beißender Irritation. Denn nebenan haust das nächste Paar. Vom Feuer allenfalls »leicht genervt« schweigen Mann und Frau weiter vor sich hin, während ihre Betten längst brennen …
Bei Agnes Ritli, Nürnberger Akademiestudentin, besitzt das Fernweh noch Romantik: Feinste Bleistiftzeichnungen im Kleinformat zeigen Meerszenen und Venedig, im Raum hängt ein Segel. Romantisch auch das Verhältnis von angedeuteter Natur und Betrachter bei späteren Arbeiten, die aus Silhouetten und Andeutungen bestehen – Caspar David Friedrich zum Weiterdenken.
Klaren Strichs schafft die Nürnberger Künstlerin karge Bildgeschichten über Alltägliches. Bis an die Grenzen des Figürlichen tastend gleichen ihre Werke Liebkosungen des Papiers, deren Reiz im Unausgesprochenen liegt.
Giorgio Hupfer war in Indien. Weg vom Nürnberger Kulturbetrieb: Einkehr halten, Schriften lesen, »den Spirit spüren: Wow!«
Aber auch ein lebendes Gesamtkunstwerk muss halt mal wieder nach Hause. Das ist dann hart. Zumal während der Wirtschaftskrise. Die flog dem vielseitigen Kulturpreisträger flott um die Ohren: »Geh’ dann mal auf die Bank, noch dazu als Künstler.« Selbst mit viel Spirit kommt man dort nicht mehr weit.
Also hat Hupfer wieder Einkehr gehalten – aber nun im Muggenhofer Atelier. Hat wieder Schriften gelesen. Und gestutzt: Denn was er las, traf den Knackpunkt der Krisen-Hysterie im Kern. Sätze wie »Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen« oder »Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat«, kamen der indischen Weltsicht recht nah – und waren doch uraltes christliches Gedankengut. Hupfer las das Kapitel »Vom Schätzesammeln und Sorgen« im Neuen Testament.
Weil er aber nun mal eine Künstlerseele hat und nicht die eines Predigers, weil er noch dazu die selten gewordene Kunst einer markanten Handschrift pflegt, zelebrierte Hupfer als alter Stilist des Erhabenen die Entdeckung auf seine Art: Er fertigte 16 Schriftbilder an, in denen er, beinahe kalligraphisch, die erbaulichen Bibelsätze auf Büttenpapier bannte. Indischen Meditationstafeln ähnlich hat Hupfer die Worte über den schnöden Mammon beseelt mit Bleistift ins Bild gesetzt. Eine »Übung«, noch für den Betrachter: »Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz«.
Am Sonntag feiert das Zumikon in der Großweidenmühlstraße 21 seinen 10. Geburtstag. Mit dem Haus, erbaut nach einem Entwurf des Schweizer Künstlers Max Bill, hat sich der Nürnberger Immobilieninvestor und Kunstförderer Volker Koch einen »Traum« erfüllt. Kunst, Kultur und kommerzielle Nutzung sollten hier eine fruchtbare Symbiose eingehen. Anlässlich des Jubiläums haben wir nachgefragt, was aus dem Traum geworden ist.
Als das Zumikon im Herbst 1999 feierlich eröffnet wurde, startete für Volker Koch ein »kultureller Selbstversuch«. Der kunstsinnige Bauherr, der sich zuvor schon als Sponsor des renommierten Renta-Preises einen Namen gemacht hatte und Ehrenmitglied der Nürnberger Kunstakademie ist, betrachtete den »Zumikon Art Club« (der etwas elitär klingende Zusatz wurde bald gestrichen) von Anfang an als »Experimentierbühne«.
Auf ein starres Konzept wurde bewusst verzichtet, nur die Raumnutzung war klar geregelt: Im Erdgeschoss zwei zum Garten hin offene Schauräume für die Kunst, dazwischen ein Restaurant, im ersten Stock der »First Floor«, eine Mischung aus Kunstverkaufsladen und Galerie. Dazu sieben Appartements vorzugsweise für Stipendiaten und Künstler, die zu Gast in der Stadt weilten, und unterm Dach das luftig-lichte Attikageschoss für Tagungen und Kulturveranstaltungen aller Art.
Bereits nach anderthalb Jahren musste Koch feststellen, dass das Experiment fürs erste schief gelaufen war. Die Kunst, in Gestalt der Galerien Birner + Wittmann und Kohlenhof, war wieder ausgezogen, kurz darauf schloss der »First Floor« mangels Nachfrage. Vor allem letzteres war für Koch »eine Enttäuschung«, sollten in der von Verena Waffek, Helga von Rauffer und Eva Schickler betriebenen Ladengalerie doch alle Fäden des Hauses zusammenlaufen.
Auch Veranstaltungen wie Lesungen, Konzerte, Comedy und Künstlergespräche waren bald passé. Längst sind das Dachgeschoss und die Appartements als Büros vermietet. Es war nicht zuletzt die »liebe« Nachbarschaft, die der schönen Idee vom lebendigen Kulturhaus einen Strich durch die Rechnung machte. Auf Beschwerden wegen Ruhestörung folgte die Forderung seitens der Stadt, das Haus als Hotel auszuweisen. Seitdem gibt es hier keine Gästewohnungen für Künstler mehr. »Das mussten wir leider sein lassen, die Auflagen für einen Hotelbetrieb wären zu hoch gewesen«, bedauert Koch.
Viele Gründe also, das Handtuch zu werfen. Das Zumikon als rein gewerbliches Mietobjekt weiter zu betreiben, kam für Koch jedoch nie in Frage. Zwar dominiert in seinem »Traum«-Haus derzeit die nicht-kulturelle Nutzung in einem Ausmaß, mit dem auch er nicht ganz glücklich ist, der Ausstellungsbetrieb aber hat dauerhaft überlebt. Nach einer Interimsbespielung der Schauräume durch vier Nürnberger Galerien holte Koch 2003 mit dem Institut für moderne Kunst einen Ausstellungsmacher ins Studio, der Qualität und Kontinuität versprach. Seitdem wird hier regelmäßig zeitgenössische Kunst aus dem deutschsprachigen Raum und darüber hinaus präsentiert, während die von Verena Waffek kuratierte Lounge gegenüber für junge Künstler aus der Region reserviert ist. Insgesamt über 70 Ausstellungen, großzügig unterstützt vom Hausherrn und seiner Kochinvest-Gruppe, haben das Zumikon seitdem als feste Größe in der hiesigen Kunstszene etabliert.
Und auch die anfänglichen »Störeffekte« mit der Gastronomie, die sich mit der Kunst nicht so vertrug wie erhofft, sind vorbei, seit Charlotte von Elm, selbst Künstlerin und Hobbyköchin, zusammen mit ihrem Mann das Restaurant im Zumikon, kurz: »r.i.z.«, 2007 übernommen hat. Das Pächterpaar betreue die Ausstellungen sehr engagiert und beziehe bei seinen kulinarischen Veranstaltungen die Kunst explizit mit ein, ist Koch voll des Lobes. Einziges Manko: Das wunderschön im Grünen gelegene Restaurant öffnet jetzt nur noch für private Feiern, während der knapp bemessenen Ausstellungszeiten (dienstags bis samstags von 17 bis 20 Uhr) gibt es lediglich Getränke.
Koch macht keinen Hehl daraus, dass er eine Art Museumscafé mit ganztägigen Öffnungszeiten bevorzugen würde. Doch es war nie sein Stil, den Hausbewohnern reinzureden: »Kinder entwickeln sich auch nicht immer so wie die Eltern sich das vorstellen. Man muss offen sein für Überraschungen.« Auch wenn das Zumikon heute nicht ganz dem Ideal seines »Vaters« entspricht, so ist Volker Koch trotzdem »zufrieden und sogar ein bisschen glücklich« über das, was da an der Pegnitz gediehen ist. Am Sonntag (ab 15 Uhr) soll deshalb auch ganz unbeschwert gefeiert werden bei einem Sommerfest mit Musik, Reden und einer großen Geburtstagsschau mit Plakatwerken von 45 Künstlern.
Zehn Jahre Nürnberger Zumikon, dazu 101 Jahre Max Bill – ergibt das nicht mindestens Kunst-Geschichten aus 1001 Nacht? Und überhaupt: Wie kriegt man das als Jubiläum verpackt? Hinter den Mauern des Max-Bill-Baus Zumikon, seinem Werk an den Gestaden der Pegnitz, hat die Lösung des Problems nun einen Namen. Sie heißt vielversprechend »Die unendliche Schleife«. Und diese bindet sowohl posthum den Architekten als auch aktuell rund 50 künstlerische Zumikon-»Gäste« der letzten zehn Jahre ein.
Seitdem Mäzen Volker Koch 1999 seine Vision wahr werden ließ und beschloss, das Prachtgrundstück am Fluss nicht durch den Bau neuer Luxuswohnungen zu versilbern, sondern an der Großweidenmühlstraße 21 lieber nach Plänen des Schweizer Malers, Bildhauers und Bauhaus-Architekten einen Kunst-Ort entstehen zu lassen, war viel los. Es fanden mehr als 50 Ausstellungen statt, dazu Konzerte, Lesungen, Kultur-Spektakel aller Art – zwei Mal sogar Gottesdienste. Außerdem nutzten Künstler die Atelierwohnungen im Obergeschoss als Unterkunft.
Zur Jubiläums-Ausstellung nun – und zum bevorstehenden Sommerfest am Sonntag – hat ein Großteil der früheren Zumikon-Künstler eine »endlose Schleife« erschaffen, indem ein jeder sein ganz individuelles Ausstellungsplakat entwarf. Oftmals witzig, mitunter recht frech im Ergebnis, war der Max-Bill-Bezug die einzige Vorgabe. Was dabei heraus kam, kann man jetzt wiederum in der Lounge und im Studio sehen, denn die Plakate wurden zu mehreren Schleifen verbunden und baumeln nun im Gebäude, das übrigens nach dem Zürcher Stadtteil benannt wurde, in dem Bill zuletzt wohnte.
Und wo er 1994 starb – so dass Kollegen sein geplantes Werk an der Pegnitz vollendeten. Umso schöner, dass der auch philosophisch agile Schweizer Schlaukopf (geboren 1900) nun in der Nürnberger Schleifenlösung nochmal aufleben darf – denn die Idee einer »Linie, die durch eine Schleife zur Unendlichkeit führt« wurde ja ebenfalls von ihm in die Welt gesetzt.
Künstler Christoph Haupt rückt auf seinem Plakat neben dem Vorschlag »Die Kunst braucht rechte Winkel« auch den Gegenvorschlag »Hauptsache Bill-ig« ins Bild. Auch der Wortkünstler Gerhard Falkner will auf Mehrdeutigkeiten hinaus – wo »Bill» doch nicht nur ein Nachname ist, sondern auf Englisch auch »Rechnung« heißt. Den Mäzenaten vor Augen, der wiederum sein Geld als Immobilienunternehmer verdient, ließ Haupt ein Plakat drucken, auf dem »Volker Builds The Bill« der Aussage »Volker Pays The Bill« gegenübersteht.
Aber es stimmt ja. Dass eine Kuratorin wie die Künstlerin Verena Waffek gut fünf Mal pro Jahr regionale Künstler in die Lounge einladen kann, während parallel dazu im Studio das Institut für Moderne Kunst neue Kunst aus dem In- und Ausland präsentiert, ist nur möglich, weil der Hausherr privates Geld ins »Experimentierkästchen«, wie er das Gebäude liebevoll nennt, steckt.
»Gerade in Zeiten nicht prall gefüllter öffentlicher Kassen ist privates Engagement wertvoller denn je«, bekundet ihm OB Ulrich Maly Hochachtung dafür: »Mit dem Zumikon hat Volker Koch ein Kulturinstitution geschaffen, die einen ganz eigenen Charakter besitzt.«
Doch den gäb’s natürlich kaum ohne Künstler. Beziehungsweise die, die im Zumikon auch mal was Gewagteres zeigen. Manches davon ist quasi unbezahlbar – auch in der Erinnerung. So denkt etwa Manfred Rothenberger vom Kunst-Institut noch gut daran, wie ihm die Präsentation von Michael Sailsdorfer schlaflose Nächte bescherte. Der hatte für sein Werk »Zeit ist keine Autobahn« mit einer Reifenabreibemaschine zwei Ausstellungs-Monate lang dauernd Auto-Pneus gewetzt. Jedenfalls stank es so stechend nach Gummi, dass Rothenberger eine Beschwerde seitens der Restaurantbetreiber im Zumikon befürchtete, mit dem Ergebnis »der Volker Koch schmeißt mich hier noch raus«. Der wiederum dachte nicht im Traum daran – und freut sich noch heut.
Das quergelegte Unendlichkeitssymbol dient Ausstellungsarchitekt Andreas Oehlert als Raumteiler und Jubiläumssignal: Die Schleife passt zum Festanzug. Theorie-Statements von Bill wurden 48 Künstlern als Kreativ-Knetmasse hingeworfen. Eva von Platen lässt – »Form ist alles, was wir sehen« – eine einäugige Katze groß gucken. Ulrich Emmert geht mit »Kill Bill« und Uma Thurman gegen einen Bill-Leitsatz vor: »Ich versuche, eine Gegenwelt aufzustellen gegen die Konfusion, in der wir heute leben.« Und Autor Gerhard Falkner stößt mit seinem Entwurf in Konkrete Poesie vor: »Volker builds the Bill, Volker pays the Bill.«
Gemeint ist der Nürnberger Immobilienunternehmer Volker Koch, der Bill für sein Projekt auf der »Schnittstelle zwischen Kultur und Wirtschaft« begeisterte Ein »Experimentierkasten« öffnete sich mit »wechselnden Liebschaften«, also Mietern, und Ideen, mit Gottesdiensten und Lesungen, 157 Ausstellungen und »zwischen 10000 und 100000 Besuchern« in zehn Jahren. Für Manfred Rothenberger (Institut für moderne Kunst) ein »unglaubliches Modellprojekt« bürgerlichen Engagements. Für Koch ein »tägliches Lebensmittel«: »Wenn ich im Grünen leben will, muss ich meinen Garten pflegen.«
Der gebürtige Franke (Burkhard Blümlein), der an der Nürnberger Kunstakademie studierte, verleiht jedem Ding eine ebenso zärtliche wie streitbare Poesie: der im Krieg brandbefleckten Tasse, dem zerkratzten Tisch, zerlöchertem Pressholz. Sie alle erzählen Geschichten. Man muss sie nur lassen.
Burkhard Blümleins Kunst hat etwas Mönchisches: Sein Zerbrechen von Porzellan, um es wieder zusammenzufügen. Sein Zerkratzen von Glas, um es abzuzeichnen. Das Sichtbarmachen von Spuren.
…
Akzeptiert man Blümleins Position, wonach ihm zeitgenössische Kunst oft »unglaubwürdig» erscheint – als er studierte, waren zum Beispiel die bizarren Gemälde der »Neuen Wilden» en vogue –, kann man seine Suche nach Essenz in jeder gekitteten Tasse, jeder geflickten Decke, jeder perforierten bunten Plastikflasche, die er im Kunst-Raum des Zumikons »Bild werden» lässt, sehen: »Ich will nur tun, was ich verantworten kann.»
Das ist nicht viel. Mit der rosenkranzartigen Kette, auf ein Radwerk gehängt und »Perlenzähler» betitelt, ist wohl auch sein Kunstbegriff benannt: Zwischen Minimalismus und Zen. Will man ihm Böses, sagt man Beliebigkeit, wenn nicht, dann womöglich Bescheidenheit dazu, wie er dezent Alltagskram, Mobiliar, Murmeln oder ein perforiertes Straußenei im Raum drapiert, damit es, »Gesprächen» gleich, im Raum »korrespondieren» kann. Dass Blümlein seinen asketischen Prozess des Schaffens über das Ergebnis stellt, schließt Ästhetik nicht aus. Nicht im Zumikon – wo sein Elfenbeinturm offene Türen hat.
Dorothee Berkenheger (...) liefert bei ihrer Nürnberg Rückkehr eine Premiere. „Routing“ ist ein hölzerner Verkehrskreislauf in Unschuldsweiß, der sich mit all seinen Kurven, Brücken und Kreuzungen Loopings sparen kann. Modellkonstruktion auch so. Eine 3D-Zeichnung, die ornamentale Züge hat. Und spielerische. Mitspielen ist bei der Leihgabe aus dem Kinderzimmer jedoch nicht erwünscht: Betreten der Fahrbahn verboten!
Martens akribisch gemalte Farbgeflechte aus Streifen mit Klebebandanmutung folgen zwar einem genauen Ordnungssystem, wirklich habhaft wird man dieser Ordnung jedoch kaum. Die permanente Verschiebung von Streifen und Farbintervallen verleiht ihren Bildwerken, die aus einer Vielzahl seriell gestapelter oder gehängter Elemente bestehen, eine flirrende Dynamik. So betreibt die Künstlerin ein raffiniertes Spiel mit dem visuellen Effekt, bei dem sie auch mal Malerei vortäuscht, wo tatsächlich nur leere Wand ist.
Auch bei Thilo Westermann, der als Meisterschüler bei Michael Munding studierte und in der Zumikon-Lounge ausstellt, ist der Tod allgegenwärtig. Der 27-Jährige inszeniert Blumen und Pflanzen in akribisch naturgetreuen Buntstiftzeichnungen und hochartifizieller Hinterglasmalerei als Boten der Vergänglichkeit. An aufgespießte Schmetterlinge erinnern die Phloxblüten, schon im Zustand des Verwelkens. Zum barocken Vanitas-Motiv von unnahbarer Schönheit gerinnt das Arrangement von Bouquet, Madonnenbild und Gucci-Flasche in einer Hinterglasmalerei auf tiefschwarzem Grund. Puren Luxus verströmt dieses Bild, in dem die Natur zum Kunstgeschöpf domestiziert ist und der Narziss-Mythos, auf den sich Westermann bezieht, auch in der spiegelnden Oberfläche aufscheint.
… die Vergegenwärtigung der Vergänglichkeit: Alles ist eitel. Seine atemberaubend präzisen Blumenstillleben atmen barocke Lust und Tod. Zart entfaltet sich die Rose als Buntstiftimitation kurz vor dem Verblühen. Eitelkeit auch in seinen Hinterglasmalereien: Ein Markenparfüm oder eine kunsthistorische Anspielung betonen Luxus und Einzigartigkeit, aber auch konsumierbarkeit der Bilder. Nicht zufällig spiegelt sich der Betrachter in der Oberfläche – Narziss is watching you.
So arrangiert Thilo Westermann bunte Blumen zu einem schönen Strauß und malt sie ab als Hinterglasmalerei – in glänzendem Schwarzweiß. Helldunkel-Werte erziehlt der Student der Philosophie und Kunstgeschichte durch minuziöse Punktierung. Parfümflakons, Familienfotos und Spiegelungen vervollständigen die Stillleben und greifen die hochartifizielle Ästhetik der Werbung auf. Glasklar, eiskalt, künstlich bis zur Synthetik.
Das Zeichnen versteht Nanne Meyer als ein „Denken mit dem Stift in der Hand“, als einen Versuch, dem Flüchtigen Form und Dauer zu verleihen. Das scheint bei ihr manchmal fast automatisch abzulaufen. Der Zeichenstift rennt förmlich über das Papier, eine dichte Textur aus anmutigen Wellenlinien hinterlassend, oder ein labyrinthisches Gefüge geometrischer Figuren. Daneben gibt es jedoch auch Blätter, die von einem zähen Ringen zeugen, von einer geduldigen Suche nach Kontur und Gestalt. Nachvollziehbar sind Phasen des Innehaltens, des Abwägens und Auswählens. Das Ziel ist eine Komposition, in der sich Spontaneität und Ordnung, Gegenständlichkeit und Abstraktion verbinden. ... Um Kunst als Produkt der menschlichen Vorstellungskraft geht es auch bei Johannes Kersting. Der Mittelpunkt seiner Präsentation ist ein Stück Scheinarchitektur, bestehend aus einer an die Galeriewand projizierten Computeranimation und ein paar Styropor- Teilen. Die Illusion ist keineswegs perfekt. Bei näherem Hinsehen offenbaren sich gewisse Material-Ambivalenzen und seltsame Widersprüche zwischen natürlichen und virtuellen Schatten. Doch dem Künstler geht es auch nicht um vollkommen vorgetäuschte Wirklichkeit, sondern vielmehr um einen Hinweis auf die Wirklichkeit der Täuschung. Auch Kerstings Zeichnungen und Tafelbilder beweisen die Macht der Imagination, die im kleinen Ausschnitt, im symbolhaften Detail das große Ganze zu erkennen vermag.
Manche Künstler geben Bildern komische Namen. Johannes Kersting hingegen gibt komischen Namen Bilder. »Feldforschung« ist zum Beispiel so ein Begriff, der Kerstings Fantasie beflügelt: Also sehen wir einen Forscher im Spargelfeld, den Kersting mit feinem Bleistiftstrich zu Papier gebracht hat. Andere Wortbilder aus dem Vokabelheft deutscher Bürokraten, »Straßenstück« etwa, oder »Kanalabschnitt«, dienen dem jungen Künstler für weitere Blätter im Nürnberger Zumikon als Steilvorlagen. ...
Ist sie (Nanne Meyer) von allen guten Geistern verlassen? Oder ist das Gegenteil der Fall? Auf vergilbten Panorama-Landkarten der Schweizer Alpen hat Meyer Gebirgszüge so herausgearbeitet, dass diese zu Gespenstern mutieren. Passt der eidgenössischen Bergwelt übrigens nicht mal so schlecht in die Visage ...